Sepp Wanninger, Eigenverlag
anno münchen records
 

 



Es war ein Tag wie aus dem bayerischen Bilderbuch: weißblau, die Luft voller Blasmusik und vor uns der sogenannte Isarspitz nördlich von Wolfratshausen. Dieser markiert nicht nur die Mündung von der Loisach in die Isar, für uns Musikanten bedeutet er auch: Auf geht’s zur Brotzeitpolka - denn kurz darauf werden die Flößer das schwerfällige Holzgefährt beim Ickinger Wehr ins ruhigere Fahrwasser des Isarkanals steuern, ideal für eine kleine Zwischenmahlzeit wie einer Leberkassemmel.

Dieses Mal hatte ich  das begehrte Scherzel erwischt. Sogleich begann ich genüsslich, es zärtlich mit kreisenden Bewegungen der oberen Semmelhälfte zu massieren. So wurde der süße Senf gleichmäßig darauf verteilt und es war sicher nicht zu übersehen, dass mir dabei langsam das Wasser bzw. Bier im Munde zusammenlief …
Ein Floßgast, der unverkennbar weit nördlich des Weißwurst- bzw. Leberkasäquators beheimatet war, folgte den Bewegungen mit skeptischen Blicken. Nach einiger Zeit fragte er plötzlich in einem mitleidigen, fast überheblichen Ton, ob mir dieses „Zeug“ nicht langsam zum Halse heraushängen würde.
Oha – damit war ein Münchner Nerv  getroffen!
Wia konn ma nur so saudumm fragen, dachte ich sofort, und so respektlos! Denn zwischen den zwei Semmelhälften war kein „Zeug“, sondern a Stückerl Kochkultur mit ziemlich langer Tradition. Den Leberkas gibt’s nämlich schon immer – obwohl etliche Gscheidhaferl an dieser Stelle sofort die Geschichte vom Pfälzer Kurfürst Karl Theodor erzählen, der im Jahre 1778 seine Residenz von Mannheim nach München verlegte. Es soll dann ein mitgebrachter Metzger gewesen sein, der erstmals fein gehacktes Schweine- und Rindfleisch in Brotform gebacken hat, inspiriert von französischen Pasteten. Die Sprachforscher sind sich allerdings bis heute nicht einig, woher aber der Name kommt, da ja bekanntermaßen weder Leber noch Käse verwendet wird.
Leider hat man dazu nie meine Oma befragt, immerhin ihrer Lebtag lang eine original Münchner Köchin, sonst wüsste man die ganze Wahrheit. Denn tatsächlich ist diese beliebte Spezialität schon immer Teil unserer Küche! Durch den meist katastrophalen Gebisszustand der damaligen Bevölkerung wurde das Fleisch halt möglichst klein geschnitten, speziell gewürzt und in einer Form gebacken. Vermutlich war es dann eine Münchner Küchenhilfe, die dem Mannheimer Metzger das Rezept verraten hat. Der Name mit den vermeintlichen Zutaten wurde dabei zum Schutz vor räuberischen, auswärtigen Köchen erfunden, um diese in die Irre zu führen. So blieb der Leberkas ein Münchner Original.
Aber er ist halt bescheiden und macht nicht so ein Gschieß wie etwa die Weißwurst. Die ist mittlerweile Kult, ein Folkloreartikel, der als Symbol für bayerische Lebensart herhalten muss. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei allerdings dem artgerechten Verzehr. Dem Leberkas ist des wurscht! Der schmeckt immer und überall, in da Semmi drin hat man sogar noch eine Hand frei, wenn’s grad waar ...
Und überhaupts – a jeder mag’n, ob jung oder alt, durch alle Schichten, er ist halt seit je her in aller Munde, wie selbstverständlich. Sogar heutzutage in dieser digitalen, schnelllebigen Zeit bleibt man immer damit geerdet, analog und bodenständig.
Und dann,der Geruch – wenn man das heiße Brat aus dem Ofen nimmt - da muaß ma einfach neibeissn, ob ma jetz Hunger hat oder ned, nur zwengs am Gusto. Da machen sogar Vegetarier ab und zu eine Ausnahme, weil ein Leben so ganz ohne Leberkas … wer mog des scho?

Und des moan i ned nur ernährungstechnisch, sondern vor allem philosophisch, quasi als Frage der Idendität, denn dieses kleine Münchner Glück is hoit doch a bisserl mehr als nur ein Schmankerl für den kleinen Hunger. Aber dees versteht dieser bedauernswerte Floßgast sowieso ned. Und bevor uns wieder amoi oaner so saudumm fragt, spuin ma seitdem anstatt der Brotzeitpolka ganz a anders Liadl …

 
 
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